Die Frage nach dem Menschen stellen
Keine systemkonforme Psychotechnik neben anderen: Die Zukunft der Psychoanalyse und
die Laienfrage am Beispiel von Hanns Sachs
VON JÜRGEN HARDT
Im Zusammenhang mit der Verteidigung der so genannten Laienanalyse, also der von Nicht-
Ärzten durchgeführten Psychoanalyse, äußerte Sigmund Freud 1926 seine Sorgen und
Hoffnungen in Bezug auf das weitere Schicksal der Psychoanalyse. Dabei formulierte er
zugleich die entschiedenste Bestimmung dessen, was Psychoanalyse seinem Verständnis
nach sein sollte.
Freuds Sorge bestand darin, dass "die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt werde"
und "ihre endgültige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie finde". Seine Hoffnung war,
dass sie "als Tiefenpsychologie, Lehre vom seelisch Unbewussten, … all den
Wissenschaften unentbehrlich werde, die sich … mit der menschlichen Kultur und großen
Institutionen wie Kunst, Religion … Gesellschaftsordnung beschäftigen." Und er schließt
seine Überlegungen zur Zukunft der Psychoanalyse mit der vorsichtigen Feststellung: "Der
Gebrauch der Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwendungen; vielleicht
wird die Zukunft zeigen, dass sie nicht die wichtigste ist." Diesen Äußerungen ist zu
entnehmen, dass es bei der "Laienfrage" nicht in erster Linie darum geht, wer
Psychoanalyse als Heilkunde straffrei ausüben darf, sondern darum, was das Wesen der
neuen Wissenschaft sein sollte: Psychotherapie oder psychologische Anthropologie?
Die Geschichte der Psychoanalyse hat gezeigt, dass sich Widerstände vor allem gegen
ihre Auffassung vom Menschen richteten und nicht dagegen, dass mit ihrer Hilfe Menschen
psychisch behandelt wurden. Sie wurde im Nationalsozialismus als Lehre vom Menschen
verfolgt, weil sie als psychologische Anthropologie Rassenwahn und Führerkult als
pathologisch entlarven konnte, als psychotherapeutisches Verfahren konnte sie
bescheidene, wenn auch verlogene Zuflucht im Reichsinstitut für seelische Gesundheit
finden.
Integration in die Psychiatrie
Zu Freuds engsten Mitarbeitern zählten Laien, wie Otto Rank und Hanns Sachs, die später
vergessen oder aus der Reihe der Gründungsväter exkommuniziert wurden. Sie waren
leibhaftige Garanten für den Anspruch, dass die Psychoanalyse mehr als Heilkunde sei,
und spielten - als Mitglieder des "Geheimen Komitees" - beim Aufbau der neuen
Wissenschaft eine große Rolle. Hanns Sachs wurde als Jurist zum ersten "professionellen"
Lehranalytiker der Internationalen Vereinigung in Berlin. Obwohl es in den USA heftige
Vorbehalte gegen die Praxis der Laienanalyse gab, wurde er 1932 nach Boston berufen, wo
er bis zu seinem Tod 1947 als Psychoanalytiker praktizierte.
Gegen den Widerstand Freuds hatte die amerikanische Vereinigung sich aus "praktischen"
Gründen entschieden, Laien auszuschließen und die Psychoanalyse als Psychotherapie in
die Psychiatrie einzugliedern. Nach langen Verhandlungen kam es im Sommer 1938 zum
endgültigen Bruch mit Freud: In den USA durften nur noch Ärzte Psychoanalytiker werden,
Psychoanalyse wurde zum Spezialgebiet der Psychiatrie. Diese Integration der
Psychoanalyse in die Psychiatrie wurde in den USA in der Kriegs- und unmittelbaren
Nachkriegszeit schrittweise vollendet. Jüdische Kollegen, die vertrieben worden waren,
halfen dabei, um als Flüchtlinge einen sicheren Stand in der neuen, eher xenophoben
Gesellschaft zu erlangen. Damit verlor die Psychoanalyse jegliches gesellschaftskritisches
Potenzial. Sie galt nunmehr als "Science", in Lehrbüchern vermittelbar, nicht mehr als
Unternehmen mit unsicherem Ausgang. Die psychoanalytische "Klassik" begann, neu
erfunden, ihre erfolgreiche Karriere.
Hanns Sachs lebte, arbeitete und publizierte während dieser Zeit unbeirrt in Boston. Er
blieb seiner artistischen Denkweise treu. Er widersetzte sich dem Anpassungsdruck, aber
sein Widerstand gegen den Mainstream blieb ohne Wirkung, er ist heute nahezu
vergessen. Wenn man die Fehler (offensichtliche Fehlleistungen) berücksichtigt, die sich in
verschiedenen Publikationen um ihn ranken, liegt der Schluss nahe, dass sein Wirken
verdrängt wird.
Nach einem kostspieligen Rechtsstreit um die Zulassung von Laien in den 1980er Jahren
war die psychoanalytische Gesellschaft Amerikas gezwungen, auch Nicht-Ärzte zur
psychoanalytischen Ausbildung und Praxis zuzulassen. Am grundsätzlichen Verständnis
der Psychoanalyse als Psychotherapie hat sich dadurch freilich nichts geändert:
Psychoanalyse gilt in erster Linie als Therapie und nur als Therapie, die jetzt allerdings
auch von nicht-ärztlichen Klinikern praktiziert werden kann. Nach dem Inkrafttreten des
Psychotherapeutengesetzes von 1999 können auch in Deutschland Diplom-Psychologen
nach Erwerb einer Approbation straffrei Psychoanalyse als Heilkunde ausüben. Damit ist
die Laienfrage zwar zugunsten der Laien, die Frage nach dem Wesen der Psychoanalyse
aber zu Ungunsten Freuds entschieden worden.
Hanns Sachs war ein beispielhaft widerspenstiger Psychoanalytiker. Sein letztes Buch,
Masks of Love and Life (SCI-ART, Cambridge 1948), ein eher expressionistisches Werk
über das Leben und die Psychoanalyse, voller Metaphern, Gedankensprüngen, assoziativ
und von einer analytischen Lebenseinstellung durchzogen, zeigt ihn als unorthodoxen
Psychoanalytiker: Er denkt an der Grenze des Erlaubten, stellt den Zwang der Normalität
in Frage, ermuntert zur Abweichung, und dazu, übliche Lebenswege in Frage zu stellen.
Die Menschen erscheinen ihm "wie Wesen auf einem fremden Stern", weil sie in Räumen
leben, in die sie sich eingeschlossen fühlen, deren Türen aber offen stehen. Mutiges
Überschreiten der selbst gesetzten Grenzen eröffne neuen Spielraum, den es zu erobern
gelte.
Emanzipatorische Wissenschaft
Einem solchen Verständnis zufolge ist Psychoanalyse mehr als nur eine Psychotherapie,
die sich in Gesellschaftssysteme einpasst. Sie ist ein Versuch, schöpferisch Regelungen
aufzubrechen und neue Lebensformen zu eröffnen. Sie ist gerade nicht Reparaturbetrieb,
sondern sie enthält eine Befreiungsoption, bleibt emanzipatorische Wissenschaft. Diese
Auffassung von Psychoanalyse passte nicht in das gesellschaftliche Konzept der Kriegs-
und unmittelbaren Nachkriegszeit in den USA und hätte dem Bemühen, der
Psychoanalyse in der Psychiatrie einen sicheren Hort zu geben, entgegengestanden. Beim
Wiederaufbau der Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland war die nordamerikanische
völlig in die Heilkunde integrierte Ich-Psychologie normgebend und bestimmte Jahrzehnte
lang die sich wiederformierende Wissenschaft.
Die Psychoanalyse läuft so Gefahr, endgültig zu einer Psychotherapie neben anderen zu
werden. Eine der Psychotherapien, die untereinander nach Effektstärken verrechnet werden
und Vorstellungen vom Menschen wie unnötigen Ballast abwerfen. Die Psychoanalyse hat
immer die psychologische Frage nach dem Menschen gestellt, das war ihre fruchtbare
intellektuelle Provokation; wenn sie das aufgibt, wird sie zu einer systemkonformen
Psychotechnik. Freud selbst drückte das spöttisch so aus: Die Psychoanalyse solle nicht
in Lehrbüchern abgelagert werden, "im Kapitel Therapie, neben Verfahren wie hypnotische
Suggestion, Autosuggestion, Persuasion, die aus unserer Unwissenheit geschöpft, ihre
kurzlebigen Wirkungen der Trägheit und Feigheit der Menschenmassen danken. Sie
verdient ein besseres Schicksal."
Jürgen Hardt ist Psychoanalytiker und Präsident der Hessischen
Psychotherapeutenkammer.
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 07.06.2004 um 18:09:54 Uhr
Erscheinungsdatum 08.06.2004
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